Die 10-jährige Alice kommt wütend aus der Pause. Sie wendet sich an ihre Lehrerin und erklärt ihr, dass sie schon mehrmals darum gebeten hat, in der Pause mit den Jungen Fussball spielen zu dürfen, aber die Jungen immer antworten: "Nein, Mädchen dürfen nicht Fussball spielen!"

Die Lehrerin antwortet ihr: "Sicher kannst du mit den Jungen spielen. Aber es ist halt so, dass die Jungen etwas draufgängerischer und grober sind. Für dich ist es bestimmt angenehmer, mit den anderen Mädchen zu spielen."

Wie hätten Sie als Lehrperson von Alice reagiert? 

Haben wir es hier mit Sexismus zu tun?

Im Fall von Alice verstärkt die Antwort der Lehrerin einerseits die Geschlechterstereotypen (Jungen sind unruhig und raufen sich) und ermutigt Alice und damit Mädchen im Generellen, den Jungen freie Hand zu lassen, um den „sozialen Frieden“ zu bewahren (Zaidman 1996). Die Forschungsarbeiten, die sich mit dem Schulraum und insbesondere mit dem Schulhof beschäftigen, haben nach Zaidman (1996) gezeigt, dass Ballspiele die räumliche Operationalisierung der Dominanz der Jungen über die Mädchen darstellen: Sie sind nomadisch, experimentieren physisch mit dem Raum und den Beziehungen zu anderen in Verfolgungsspielen und Raufereien. Im Gegensatz dazu bleiben die Mädchen häufig sesshaft und begnügen sich mit den Randgebieten.

Es versteht sich von selbst, dass diese Dominanz durch die Verteilung der Spielräume später im Erwachsenenalter erneut ausgehandelt wird. Und zwar läuft diese Aushandlung nach einer Partitur ab, die sich unendlich variieren lässt, deren Inhalt aber immer derselbe ist: Die Männer bleiben im städtischen, sozialen und beruflichen Raum mehrheitlich dominant. Im schlimmsten Fall wird die Dominanz von einer symbolischen zu einer realen: Davon zeugen die sexuellen Übergriffe, von denen 73% im öffentlichen Raum stattfinden.

Aus diesem Grund sollten Bemerkungen zwischen Schüler·innen, die das eine oder andere Geschlecht aufgrund von geschlechtsspezifischen und sexistischen Argumenten ausschließen, ernst genommen werden. Äusserungen und Interaktionen dieser Art zwischen den Kindern bilden den Nährboden für fruchtbare Überlegungen zur Gleichstellung der Geschlechter (im Unterricht).

Auch wenn dieses Beispiel aus der Grundschule stammt, sind die Gleichstellung der Geschlechter und die Prävention von Sexismus und sexueller Belästigung für die Bildung in allen Stufen zentrale Themen.

Erfahren Sie mehr über sexuelle Belästigung und Sexismus, indem Sie den Beiträgen auf diesem Blog folgen.

 

Literatur

Zaidmann, C. (1996). La mixité à l’école primaire. Paris : L’Harmattan.

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