Auf der Suche nach einem dialogischen Lernen im Fernunterricht | Interview mit einer Fremdsprachenlehrerin der Sekundarstufe 1 #TeachFromHome #Covid-19

By Philippe Humbert

Sabrina* unterrichtet Deutsch als Erstsprache und Französisch als Fremdsprache auf der Sekundarstufe 1 (SuS zwischen 13-16 Jahre alt) in der Stadt Basel. Sie ist Leiterin einer prägymnasialen Klasse (P-Niveau), mit welcher sie neulich Videolektionen begonnen hat. Ihre Erfahrung zeigt, wie sie mit sozialen und linguistischen Interaktionen zwischen den Lernenden im Fernunterricht umgeht.

*Aliasnamen

CeDiLE: Wie gehen Sie vor, um den Kontakt mit Ihren SchülerInnen aufrechtzuerhalten?

Sabrina*: Zusammen mit meinen Kolleginnen haben wir entschieden, erst die SchülerInnen per WhatsApp zu kontaktieren. Zunächst wollten wir kein WhatsApp-Gruppen, weil wir befürchteten, dass es mit 25 SchülerInnen zu irreführenden Diskussionen kommen könnte. Aber wir haben entdeckt, dass es möglich ist, ein WhatsApp-Klassengruppe zu erstellen, so dass nur die Lehrpersonen und 1-2 Klassendelegiert sich äussern können. Also haben wir diesen sehr praktischen Klassenchat, in welchem ich in Kürze die generellen Informationen zu wöchentlichen Aufgaben gebe. Danach schicke ich per Mail die genauen Aufträge (z.B. mit einem Word-Dokument) in Bezug auf das Lehrmittel Clin D’oeil. So lernen die SchülerInnen mit Materialen und Methoden, die sie schon kennen. Sie behalten eine Routine. Es gibt jedoch auch andere Lernplattformen wie Mind Steps, wo man jeden Schüler individuell betreuen kann. Ich werde sie in Zukunft wahrscheinlich auch vermehrt nutzen.

Haben Sie genug Unterstützung von der Schule bekommen?

Ja, es kommen viele Ressourcen aus dem Informatikdienst des Kantons. Sie vermitteln viele Angebote und Weiterbildungen. Das Problem liegt eher an den individuellen Ressourcen: es gibt auch Kinder, die keinen Computer haben. Oder vielleicht gibt es nur einen Computer für drei Kinder zu Hause, auf dem auch die Eltern manchmal fernarbeiten müssen. Die Schule hat eine kurze Umfrage durchgeführt, um zu wissen, ob alle Kinder Zugang zu einem Computer daheim haben. Es wurden bei Bedarf Computer ausgeliehen, aber ich glaube, dass es nicht genug Geräte für alle gab. Für meine Klasse ist die Situation eher okay, weil die Eltern einen Computer zur Verfügung haben. Aber in anderen Klassen ist das ein grosses Problem.

Was machen Sie in diesem Fall?

Ich gebe nur Aufträge mit der Papierversion von Clin d’oeil. Aber sie können leider kaum Hörverständnis und Sprechen üben. Mit der App von Clin d’oeil gäbe es eigentlich eine Möglichkeit zu üben. Aber ich kann nicht überprüfen, ob sie es tatsächlich machen. Ich glaube nicht, dass alle Schüler trotz konkreten Arbeitsanweisungen diese Online-Ressourcen so diszipliniert benutzen. Wie gesagt: mit den P-Niveaus geht es ziemlich gut, weil sie tendenziell mindestens einen Computer zu Hause haben. Manchmal müssen sich die SchülerInnen aber dennoch mit den anderen Familienmitgliedern bezüglich der Computerverfügbarkeit zu Hause absprechen. Aber mit 25 Kindern und so vielen verschiedenen Voraussetzungen ist das manchmal kompliziert.

Wie oft geben Sie Videolektionen?

Ich habe es gerade heute zum ersten Mal gemacht. Vorher habe ich alles per Mail gemacht und den SchülerInnen über diesem Weg auch individuelle Rückmeldungen gegeben. Wir machen Videolektionen mit Microsoft Teams und stellen nun auch unsere Aufträge für die Klasse auf diese Plattform. Andere Apps wie Zoom wurden in Basel nicht erlaubt. Ich plane ca. zwei Live-Lektionen pro Woche für das Fach Französisch ein. Aber ich finde es sehr schwierig. Es fehlt das dialogische Lernen im Fernunterricht. Jeder sitzt allein am Computer. Sie bleiben eher passiv und haben kaum Austausch. Ausserdem ist es enorm schwierig, das Arbeitstempo der SchülerInnen abzuschätzen, da ich als Lehrperson nicht einfach mal schnell bei den SchülerInnen ins Heft schauen kann, um zu sehen wie weit sie sind. Ich weiss noch nicht, ob ich kleinen Gruppen machen sollte. Wir werden sehen.

Müssen Sie nur den bereits behandelten Schulstoff wiederholen oder mit dem Programm weitergehen?

Bis heute mussten wir nur Wiederholungen machen. Jetzt sollen wir jedoch neue Inhalte geben. Gemäss unseren kantonalen Richtlinien, sollen die SchülerInnen bis zu 6 Lektionen am Tag (ca. 4,5 Stunden) beschäftigt werden.

Das ist sehr viel, oder?

Ja, ich finde auch, dass es ziemlich viel zu tun daheim gibt. Eben. Eine Mutter hat mich angerufen, mit der Bitte jeden Morgen um 8 Uhr mit dem Online-Unterricht zu beginnen, da sie ansonsten ihren Sohn nicht aus dem Bett bekommt. Für manche Eltern sind das wirklich keine Ferien! Ich weiss auch, dass manche SchülerInnen von den Eltern sehr nah begleitet werden und andere Jugendliche sind wiederum ganz frei…

Schulische Ungleichheiten bleiben also ziemlich gross mit der Eindämmung.

Ja, die Chancengleichheit ist bedroht. Ich unterrichte auch Hauswirtschaft an SchülerInnen mit niedrigeren Niveaus und ich habe von Kolleginnen gehört, wie es mit ihnen jetzt läuft. Es braucht mehr und nährere Betreuung. Wir müssen viel mehr mit Papierversion planen. Es ist wirklich nicht das Gleiche wie in P-Zug Klassen, wo die Eltern meistens intellektuelle sowie finanzielle Ressourcen zur Verfügung haben.

Wir wissen auch nicht, wie es zu Hause abläuft. Schüler wagen es nicht immer, um Hilfe zu bitten. Andere kommunizieren ihr Schwierigkeiten viel mehr. Im gewöhnlichen Unterrichtbemerken wir doch anhand der Gesichter, ob sie etwas nicht verstanden oder gehört haben. Es ist ein bisschen wie Unterrichten im Schatten.

Hat der Kanton besondere Massnahmen genommen?

Es gibt im zweiten Semester keine Noten mehr in Basel-Stadt. Nur das erste Semesterzeugnis zählt. Ich finde es gut. So gibt es weniger Stress bezüglich Leistungsnachweis im aktuellen Semester. Aber das ist auch schwieriger, Schüler zu motivieren. Es ist eine grosse Herausforderung beim P-Niveau, weil Noten eine treibende Kraft für diese Schüler sind. Sie mögen diese Art Wettbewerb. Jetzt wissen sie, dass sie fast alle definitiv ins Gymnasium eingeteilt sind. Es gibt keinen Druck mehr.

Wie läuft es konkret beim Fremdsprachenunterricht? Unterscheidet sich der Unterricht in dieser Hinsicht von den anderen Fächern?

Im Fremdsprachenunterricht versuche ich fast hundert Prozent in der Zielsprache zu reden. Online ist es sehr schwierig. Ich sehe die Kinder nicht, auf Microsoft Teams sehe ich nur vier Personen auf dem Bildschirm. Es fehlt mir die ganze non verbale Kommunikation, die Mimik und Gestik. Unter diesen Bedingungen ist es viel schwieriger nur Französisch zu reden. Auch per Mail muss ich ein Paar Hinweise auf Deutsch schreiben, so dass die Schüler einige wichtigere Information beachten. Zum Beispiel sage ich, dass sie manche Aufträge nicht machen müssen, oder dass sie mich anfragen sollen falls etwas unklar oder schwieriger ist.

Man weiss auch nicht, wer die Hausaufgaben macht und wie sie gemacht werden. Zum Beispiel mussten sie einen Text mit der Thematik «le zoo» auf Französisch schreiben. Zwei drei Schüler haben einen super Text fast ohne Fehler geschickt. Ich weiss aber nicht, ob sie es mit Google Translate oder mithilfe einer anderen Übersetzungssoftware gemacht haben.

Sehen Sie diese digitalen Hilfsmitteln als problematisch?

Ohne Betreuung sind sie problematisch. Mit einem «copy-paste» lernt man nicht Vieles. Ich brauche auch online Wörterbücher und so. Aber diese sollen nicht das Fremdsprachenlernen ersetzen. Ich glaube aber auch, dass viele SchülerInnen diese digitalen Hilfsmittel schon sehr gut nutzen können, das glaube ich auch an ihren Texten zu erkennen, die sie mir schicken.

Möchten Sie Ihre Fachkollegen eine Botschaft ausrichten? Welche Tipps und Tricks würden Sie Ihnen geben?

Ein Tipp: einfach Mut haben, neue Sachen zu probieren. Ich hatte zuerst keine grosse Lust am digitalen Unterricht. Aber die Schüler finden es spannend. Also muss man einfach mal probieren, auch wenn man durch technische Probleme gehen muss.

Möchten Sie eine Anfrage an die kantonalen oder Bundesbehörden richten? An die PH?

Vielleicht etwas über unser Lehrmittel Clin d’oeil. Es wurde konzipiert als hätte jeder ein Tablet oder Computer. Doch wir sehen jetzt, dass es nicht der Fall ist, oder dass die SchülerInnen nicht immer wissen, digitale Geräte mit diesem Ziel zu benutzen. Vielleicht sollte man vor der Erstellung eines Lehrmittels diese Infrastruktur gut analysieren.

 

 

Propos recueillis par Philippe Humbert le 20.04.2020

 

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