Die neusprachliche Reformbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts

Par salzmann

Wegen des Coronavirus wurde der Vortrag von Prof. Dr. Friedericke Klippel am 16. März an der Uni Freiburg/Fribourg abgesagt. Dank einer Rezension von Sebastian Salzmann (MA Student in Fremdsprachendidaktik) eines Kapitels von Prof. Klippel geben wir vom CeDiLE einen Einblick in Frau Klippels Arbeit zur Geschichte des Fremdsprachenunterrichts.

Sind es die frühen empirischen Arbeiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, denen wir den qualitativen Fremdsprachenunterricht von heute verdanken? Die Neusprachliche Reformbewegung brachte gemäss dem Kapitel einen Prozess ins Rollen, der die Entwicklungen rund um die fremdsprachliche Diskussion und den Fremdsprachenunterricht bis zum heutigen Zeitpunkt mitprägt. Unter dem Titel „Die neusprachliche Reformbewegung im Unterrichtsalltag: Frühe Handlungsforschung“ hält Prof. Dr. Friedericke Klippel einige Meilensteine fest.

Wenn man die Situation am Anfang der 1880er Jahre rekapituliert, so gab es einerseits die Lehrerschaft, die ihre Ausbildung an einer Universität absolviert hat und möglicherweise über Auslanderfahrung und damit auch über Kommunikationserfahrung in einer oder mehrerer Fremdsprachen verfügten. Andererseits gab es den traditionellen Fremdsprachenunterricht, der sich auf die formalen Aspekte der Sprache, wie etwa den Wortschatz, die Grammatik oder die Übersetzung, ausrichtete. Hinzu kamen zu dieser Zeit auch technische und wissenschaftliche Fortschritte, sowie gesellschaftliche Entwicklungen, die dazu verleiteten, neue Konzepte zu entwickeln und in diesem Sinne auch einen Anstoss zum Ausprobieren und Kommunizieren gaben.

Im Gegensatz zu anderen Jahrzehnten sind es nicht mehr nur einzelne Personen, wie etwa Wilhelm Viëtors mit seiner Streitschrift „Der Sprachunterricht muss umkehren: ein Beitrag zur Überbürdungsfrage“, welche theoretische Schriften mit ihren Ideen verfassten. Dieser professionelle Diskurs unter Neuphilologen stellte eine Premiere dar, womit die Neusprachliche Reformbewegung ihren Anfang nahm.

Diese wurde jedoch erst möglich durch die Etablierung der modernen Fremdsprachen, die Professionalisierung der Lehrkörper und die fachwissenschaftliche Fundierung. Daraus folgte die Gründung von Fachzeitschriften und die Schaffung von Fachverbänden, woraus sich Diskussionen in der Fachöffentlichkeit zwischen Befürwortern und Gegnern der neusprachlichen Reformen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ergaben.

So stellten praktizierende Englischlehrer und Unterrichtsforscher wie Heinrich Junker und Herrmann Klinghardt ihre praktischen Lehrtätigkeiten in den theoretischen Kontext der Neusprachenreform, um den fachlichen Diskurs und den kollegialen Austausch zu fördern. Sie beschränkten sich nicht nur auf das Beschreiben dessen, was in ihrem Unterricht geschah, sondern bezogen sich auch auf die Planung und Analyse ihrer Unterrichtspraxis.

Wer hätte gedacht, dass der Fremdsprachenunterricht im Sinne Klinghardts sich bereits am Ende des 19. Jahrhunderts an seinen Adressaten orientierte und die Lebensnähe, die Authentizität und die Aktualität der Inhalte im Vordergrund standen? Interaktive und kooperative Methoden sorgten für eine positive Klassenatmosphäre, in einem Fremdsprachenunterricht, wo fächerübergreifend unterrichtet und vernetztes Denken gefördert wurde und wo die Lehrperson sich als Lernhelfer verstand.

Für die mündliche Beherrschung der fremden Sprache wurden neue Arbeitsformen benötigt, wie etwa ein Aussprachetraining, in welchem Klinghardt mit „Sprech- und Hörgymnastik“, sowie mit „Lautgymnastik“ arbeitete. Wie in den Schulzimmern von heute, hat Klinghardt mit Hilfe eines kleinen Taschenspiegels die richtige Mundstellung bei der Lautproduktion geübt. Peerfeedbacks halfen die Mundstellung zu optimieren. Die Fremdsprache trat immer mehr auch als Unterrichtssprache auf. Der Sprachproduktion im Mündlichen und Schriftlichen geht im Sprachlernprozess die Sprachrezeption voraus. Repetitives Üben und Wortschatzlisten gehörten genauso zum Schüleralltag wie der richtige Einsatz einer induktiven Grammatik, in der es darum ging, die neue Sprache zu erlernen und nicht die Regeln über die Sprache. Das Ziel Klinghardts imitativer Methode war die umfassende Sprachbeherrschung, die gleichzeitig zu mehr Bildung führt.

In der Diskussion der Fachöffentlichkeit wollte man also nicht mehr lediglich die eigenen Theorien kundtun oder eigene Meinungen veröffentlichen, sondern viel mehr einen Beitrag zur konkreten Empirie stellen und dahingehend den Fremdsprachenunterricht und die Fremdsprachendidaktik reformieren. Die Untersuchung der Aneignung einer Fremdsprache wurde immer mehr zur Wissenschaftsdisziplin. Was sich Jahrzehnte später daraus entwickelte, sehen wir beispielsweise an einigen Leitideen und Kompetenzbereichen des Lehrplans Passepartout, die neben anderen aktuellen Ideen wie Lernerzentrierung, Lernerautonomie und konstruktivistisch-didaktischen Vorstellungen einige Spuren aufzeigen, welche die Neusprachliche Reformbewegung in der Fremdsprachendidaktik hinterlassen hat.

Quellen

Klippel, Friedericke (2013): Die neusprachliche Reformbewegung im Unterrichtsalltag: Frühe Handlungsforschung. In: Klippel/Kolb/Sharp (Hrsg.). Schulsprachenpolitik und fremsprachliche Unterrichtspraxis. Historische Schlaglichter zwischen 1800 und 1989. Münster: Waxmann, 125 – 138.

Sekundärliteratur

Junker, H.P. (1904): Englischer Unterricht, geschichtlicher Abriß. In: Rein, Wilhelm (Hrsg.): Encyklopädisches Handbuch der Pädagogik. 2. Aufl., Langensalza: Beyer, 406-421.

Klinghardt, Hermann (1888). Ein Jahr Erfahrungen mit der neuen Methode. Bericht über den unterricht mit einer englischen anfängerklasse im schuljahre 1887/88. Zugleich eine anleitung für jüngere fachgenossen. Marburg: Elwert.

Viëtor, Wilhelm (1886): Der Sprachunterricht muß umkehren! Ein Beitrag zur Überbürdungsfrage. 2. Auflage. Heilbronn: Henninger.

Viëtor, Wilhelm (1902): Die Methodik des neusprachlichen Unterrichts. Ein geschichtlicher Überblick in vier Vorträgen. Leipzig: Teubner.

 

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